
Kurz zusammengefasst
Der Chiemgauer startete im Januar 2003 im oberbayerischen Chiemgau und gilt als Europas umsatzstärkste Regionalwährung: rund 600 Betriebe, geschätzt 5 Millionen Chiemgauer Jahresausgabe. Ein Chiemgauer ist einen Euro wert. Wer einen Schein länger als ein Quartal hält, braucht eine Klebemarke im Wert von 2 %, macht über ein Jahr rund 8 %. Teilnehmende Geschäfte geben 3 % ihres Chiemgauer-Umsatzes an einen selbst gewählten Verein weiter, mitmachen darf nur, wer Mitglied im Chiemgauer e.V. ist. Von den vielen anderen deutschen Regionalwährungen, die in den 2000er-Jahren gestartet sind, hat ein großer Teil längst wieder aufgegeben.
Ein Geldschein, der mit der Zeit teurer im Halten wird, wenn du ihn nicht ausgibst: Das klingt nach einem Fehler im System, ist beim Chiemgauer aber genau so gewollt.
Seit über zwei Jahrzehnten zeigt die Initiative aus dem Chiemgau, wie ein regionales Zahlungsmittel neben dem Euro laufen kann, ohne mit ihm zu konkurrieren. Dieser Artikel geht die Mechanik im Detail durch: die Kopplung an den Euro, die sogenannte Umlaufsicherung, die eingebaute Vereinsförderung und die Vereinsmitgliedschaft, die aus rechtlichen Gründen zwingend ist. Am Ende folgt ein kurzer Blick auf Zeitbanken, ein verwandtes, aber grundlegend anderes Modell des Tauschens ganz ohne Geld.
Ein Schulprojekt wird zur größten Regionalwährung Europas
Der Wirtschaftslehrer Christian Gelleri startete das Projekt 2002 zusammen mit sechs Schülerinnen und Schülern der Waldorfschule Prien. Ursprünglich ging es um etwas sehr Konkretes: Geld für eine neue Turnhalle sammeln. Im Januar 2003 ging der Chiemgauer offiziell an den Start, in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein sowie im Berchtesgadener Land.
Aus dem Schulprojekt wurde die größte Regionalwährung Deutschlands, nach Angaben der Initiative sogar Europas umsatzstärkste. Rund 600 Betriebe akzeptieren den Chiemgauer inzwischen, jährlich werden schätzungsweise 5 Millionen Chiemgauer ausgegeben. Diese Zahlen stammen aus einer journalistischen Quelle und sind nur locker mit den Angaben des Vereins selbst abgeglichen. Für den aktuellen Stand lohnt ein Blick auf chiemgauer.info, die Zahl der Betriebe und der Jahresumsatz verändern sich naturgemäß von Jahr zu Jahr.
So funktioniert die Bindung an den Euro
Ein Chiemgauer ist genau einen Euro wert, nicht mehr und nicht weniger. Die Gutscheine gibt es in sechs Stückelungen: 1, 2, 5, 10, 20 und 50 Chiemgauer. Wer Euro in Chiemgauer umtauscht, zahlt den vollen Betrag ein. Der Verein hält dafür die entsprechende Euro-Summe als Deckung zurück, jeder umlaufende Chiemgauer ist also zu hundert Prozent durch einen echten Euro gesichert.
Kaufkraft geht dabei nicht verloren. Nur die Zeit tickt anders, und genau darin liegt der eigentliche Unterschied zum Euro in der Geldbörse.
Die Umlaufsicherung: Geld, das teurer wird, je länger es liegt
Der eigentliche Clou steckt in der sogenannten Umlaufsicherung. Ein Chiemgauer-Schein bleibt nur ein Quartal lang ohne Zusatzkosten gültig. Danach braucht er eine Klebemarke im Wert von 2 % des Nennwerts, sonst verliert er seine Gültigkeit. Wer einen Schein ein volles Jahr lang liegen lässt, statt ihn auszugeben, zahlt über vier Quartale gerechnet rund 8 % seines Werts, allein fürs Halten.
Der Effekt ist gewollt und simpel in der Logik: Wer Geld zurückhält, statt es auszugeben, verliert etwas. Wer es weitergibt, verliert nichts. Nach Angaben der Initiative zirkuliert ein Chiemgauer dadurch etwa viermal so schnell wie ein Euro durch die regionale Wirtschaft. Jeder zusätzliche Umlauf bedeutet einen weiteren lokalen Einkauf, oft auch eine weitere kleine Spende an einen Verein vor Ort, dazu gleich mehr.
Hinweis zu den Zahlen
Die genannten Prozentsätze stammen aus einer einzelnen sekundären Quelle und sind nur locker mit der Vereinsseite abgeglichen. Regelwerke solcher Vereine ändern sich mit der Zeit, teils demokratisch per Mitgliederversammlung. Vor einer eigenen Nutzung lohnt ein Blick auf die aktuellen Bedingungen unter chiemgauer.info.
3 % für den Verein deiner Wahl
Jedes teilnehmende Geschäft gibt 3 % seines Chiemgauer-Umsatzes an einen gemeinnützigen Verein weiter, den die zahlende Kundschaft beim Einkauf selbst bestimmt. Das Geld kommt dabei nicht zusätzlich von den Kundinnen und Kunden, es wird vom Umsatz des Betriebs abgezogen: ein Förderbeitrag, der bei jedem Einkauf automatisch mitläuft, ohne separate Spendenaktion.
Ein Rechenbeispiel aus der Quelle macht die Größenordnung greifbar. Tauschen 200 Bewohnerinnen und Bewohner einer Gemeinde monatlich 50 Euro in Chiemgauer um und geben diesen Betrag lokal aus, kommen übers Jahr rund 3.600 Euro für örtliche Vereine zusammen. Kein Sponsoringvertrag, kein Antragsformular, nur der normale Wocheneinkauf im Umweg über eine andere Währung.
Wichtiger Hinweis zur Steuer
Eine Regionalwährung ist keine Steueroase. Einnahmen, die ein Betrieb oder eine Privatperson in Chiemgauer erhält, entsprechen in Euro einem regulären, voll steuerpflichtigen Einkommen. An der Einkommensteuer, Umsatzsteuer oder Gewerbesteuer ändert die Zahlung in Gutscheinen nichts.

Warum eine Vereinsmitgliedschaft zwingend ist
Mitmachen kann nur, wer Mitglied im Chiemgauer e.V. wird und eine sogenannte Regiocard beantragt. Das wirkt auf den ersten Blick nach unnötiger Bürokratie für ein simples Gutscheinsystem, ist aber bewusst so konstruiert. Eine zeitliche, persönliche und regionale Begrenzung der Nutzung hält den Chiemgauer rechtlich klar von echtem Geld getrennt und verhindert, dass er als konkurrierendes gesetzliches Zahlungsmittel eingestuft wird.
Genau dieses Konstruktionsdetail unterscheidet seriöse Regionalwährungen von Grauzonen-Projekten. Der Chiemgauer bleibt ein Gutschein unter Vereinsmitgliedern, kein Ersatz für den Euro, auch wenn er sich im Alltag genauso anfühlt.
Warum die meisten anderen deutschen Regionalwährungen verschwunden sind
Der Chiemgauer war nicht das einzige Projekt dieser Art. Die Idee geht auf das österreichische Wörgl der frühen 1930er-Jahre zurück, wo eine Gemeinde mit einer schwindenden Notwährung kurzzeitig die Arbeitslosigkeit senkte, bis die Nationalbank das Experiment stoppte. In Deutschland griff die Regiogeld-Bewegung diesen Gedanken in den frühen 2000er-Jahren wieder auf. Auf Fachtagungen im Chiemgau selbst wuchs die Teilnehmerzahl zwischen 2003 und 2005 von rund 150 auf 250, ein Kongress in Weimar 2006 zählte schon 300 Gäste, einer in Traunstein 2013 rund 400.
Von diesem Schwung ist heute wenig übrig. Der Dachverband Regiogeld e.V. führt nach eigenen Angaben derzeit rund 30 aktive Initiativen bundesweit. Eine von der Community gepflegte Übersicht auf Wikipedia listet insgesamt mehr als 40 Projekte seit den frühen 2000er-Jahren, davon werden nur noch rund 25 als aktiv geführt. Bekannte Beispiele für eingestellte Projekte sind der Ampertaler bei Dachau (2015 mangels Nutzung eingestellt), der Berliner Regional in Berlin (2009 beendet) oder der Carlo in Karlsruhe (Ende 2015 aufgegeben). Auch diese Zahlen sind Näherungswerte aus einer ehrenamtlich gepflegten Quelle, keine amtliche Statistik.
Der gemeinsame Grund ist meist derselbe: Ohne eine kritische Masse an teilnehmenden Geschäften lohnt sich der Umtausch für Kundinnen und Kunden nicht, ohne genug Kundschaft lohnt sich die Teilnahme für Geschäfte nicht, und die Verwaltung eines eigenen Gutscheinsystems kostet Zeit und Geld, die kleine Vereine auf Dauer selten aufbringen. Der Chiemgauer hat diese Anfangsphase überstanden und ist seither der Referenzfall geblieben, an dem sich jede neue Initiative messen lassen muss.
Zeitbanken: Tauschen ganz ohne Geld
Neben Regionalwährungen gibt es in Deutschland ein zweites, verwandtes, aber grundlegend anderes Modell der Parallelökonomie: die Zeitbank. Eine Zeitbank ist ein örtlicher Verein, der Dienstleistungen zwischen Mitgliedern rein über Zeit organisiert, ganz ohne Geld dazwischen. Wer eine Stunde Gartenarbeit leistet, bekommt eine Stunde auf sein Zeitkonto gutgeschrieben. Wer eine Stunde Nachhilfe oder eine Begleitung zum Arzttermin in Anspruch nimmt, wird um eine Stunde belastet, unabhängig davon, wie unterschiedlich beide Tätigkeiten eigentlich sind.
Der Grundgedanke stammt konzeptionell aus Japan, aus dem dortigen Fureai-Kippu-System für gegenseitige Pflegeunterstützung. Von dort aus hat sich das Prinzip inzwischen in mehr als 30 Länder verbreitet. In Deutschland ließen sich zum Stand Februar 2022 anhand eigener Webseiten rund 74 aktive Zeitbanken oder Tauschringe identifizieren, mit einem klaren Schwerpunkt auf größeren Städten.
| Merkmal | Chiemgauer | Zeitbank |
|---|---|---|
| Grundlage | Euro-gedeckter Gutschein | Reine Zeitgutschrift, kein Geld |
| Wertmaßstab | 1 Chiemgauer = 1 Euro | 1 Stunde = 1 Stunde, egal welche Tätigkeit |
| Kosten fürs Halten | ca. 2 % pro Quartal (Umlaufsicherung) | keine, Zeitguthaben verfällt nicht |
| Voraussetzung | Mitgliedschaft im Verein + Regiocard | Mitgliedschaft im Zeitbank-Verein |
| Reichweite in Deutschland | 1 Währung, dafür mit Abstand die größte | rund 74 aktive Initiativen (Stand 02/2022) |
Ein wichtiger Unterschied betrifft auch das, was eine Zeitbank ausdrücklich nicht leistet. Reglementierte professionelle Dienstleistungen sind vom Tausch ausgenommen. Rechtsberatung im eigentlichen Sinn ist Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten vorbehalten, geregelt über das Rechtsdienstleistungsgesetz, das das frühere Rechtsberatungsgesetz abgelöst hat. Auch die meisten medizinischen Leistungen, die eine formale Qualifikation voraussetzen, laufen nicht über das Zeitkonto. Eine Zeitbank kann jemanden zum Arzttermin begleiten, sie ersetzt aber weder die ärztliche Behandlung noch eine anwaltliche Auskunft zu einem konkreten Fall.
Was das für Selbstversorger praktisch bedeutet
Beide Modelle lösen ein ähnliches Grundproblem auf unterschiedliche Weise: Wie lässt sich lokaler Austausch stärken, ohne komplett vom großen, anonymen Markt abhängig zu sein. Der Chiemgauer bleibt dabei ein Nischenphänomen im Vergleich zum Euro-Wirtschaftskreislauf, aber innerhalb seiner Region ist er über zwanzig Jahre lang tragfähig geblieben, während die meisten Nachahmer wieder aufgegeben haben. Eine Zeitbank verlangt kein Startkapital und keine Euro-Deckung, dafür sind ihre Grenzen enger gezogen: keine Geldwertschöpfung, keine reglementierten Berufe, meist ein begrenztes lokales Netzwerk.
Wer in einer Region mit eigener Regionalwährung lebt oder eine Zeitbank in der Nähe hat, verliert durch die Teilnahme wenig und gewinnt oft mehr als nur Geld: engere Nachbarschaftsbeziehungen, kürzere Wege, ein Stück Unabhängigkeit vom rein anonymen Markt.
Häufige Fragen zum Chiemgauer und zu Regionalwährungen
Ist der Chiemgauer heute noch aktiv nutzbar?
Ja, der Chiemgauer läuft seit Januar 2003 ununterbrochen und gilt weiterhin als größte Regionalwährung Deutschlands. Die genaue Zahl der teilnehmenden Betriebe und der Jahresumsatz ändern sich laufend, aktuelle Werte und eine Liste der Annahmestellen finden sich auf chiemgauer.info.
Muss ich Einnahmen in Chiemgauer versteuern?
Ja. Der Chiemgauer ist mit dem Euro 1:1 verrechenbar und ändert steuerlich nichts an der Einordnung des Einkommens. Einnahmen aus Verkäufen oder Dienstleistungen bleiben regulär einkommen-, umsatz- und gegebenenfalls gewerbesteuerpflichtig, ganz gleich, in welcher der beiden Währungen sie ausgezahlt wurden.
Warum sind so viele deutsche Regionalwährungen wieder verschwunden?
Meist wegen zu weniger teilnehmender Geschäfte. Ohne genug Annahmestellen lohnt sich der Umtausch für Kundschaft nicht, ohne genug Kundschaft lohnt sich die Teilnahme für Geschäfte nicht, und der laufende Verwaltungsaufwand eines eigenen Gutscheinsystems übersteigt bei kleinen Initiativen schnell das, was ein ehrenamtlicher Verein dauerhaft stemmen kann.
Was unterscheidet den Chiemgauer von einer Zeitbank?
Der Chiemgauer ist ein euro-gedecktes Gutscheinsystem mit Umlaufsicherung, eine Zeitbank dagegen kommt komplett ohne Geld aus. Dort zählt nur die geleistete Stunde, unabhängig von der Art der Tätigkeit, und es gibt keine Kosten fürs Halten eines Guthabens.
Kann ich über eine Zeitbank rechtliche oder medizinische Hilfe bekommen?
Nein, nicht im eigentlichen Sinn. Rechtsberatung ist nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz reguliert und Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten vorbehalten, die meisten medizinischen Leistungen setzen eine formale Qualifikation voraus. Beide Bereiche sind vom Zeittausch ausdrücklich ausgeschlossen, eine Zeitbank kann höchstens begleiten oder organisatorisch unterstützen.
Quellen
- stadtteilarbeit.de, „Chiemgauer Regiogeld", abgerufen am 17.08.2026, Zahlen sind Näherungswerte
- Chiemgauer e.V., offizielle Vereinsseite, abgerufen am 17.08.2026, für aktuelle Zahlen maßgeblich
- Wikipedia (EN), „Chiemgauer", abgerufen am 17.08.2026, Gründungsgeschichte
- Wikipedia (DE), „Regiogeld", abgerufen am 17.08.2026, Bewegungsgeschichte und Verband
- Wikipedia (DE), „Liste der Regionalgelder", abgerufen am 17.08.2026, gemeinschaftlich gepflegte Übersicht
- Wikipedia (DE), „Zeitbank", abgerufen am 17.08.2026
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