Digitale Souveränität

Schleswig-Holstein steigt aus Microsoft aus: Was die 15-Millionen-Euro-Wette bisher gebracht hat

11 min Lesezeit
Aktualisiert am: 19. August 2026
Moderne deutsche Verwaltungsgebäude-Fassade mit Glasfront bei Tageslicht
Schleswig-Holstein zieht seine Verwaltung aus Microsoft-Software ab, Arbeitsplatz für Arbeitsplatz, Postfach für Postfach. Bild: KI generiert

TL;DR

Schleswig-Holstein hat nach eigenen Angaben fast 80 % seiner Verwaltungsarbeitsplätze (ohne Steuerverwaltung) auf LibreOffice umgestellt, Microsoft Office und Outlook sind dort deinstalliert oder werden es gerade. Die Lizenzquote für Microsoft ausserhalb der Steuerverwaltung liegt inzwischen bei unter 10 %. Erwartet werden über 15 Millionen Euro jährliche Einsparung bei rund 9 Millionen Euro einmaligen Investitionskosten. Parallel dazu zeigt F-Droid auf Handyebene, dass digitale Souveränität kein Verwaltungsprivileg ist: ein App-Store ohne Konto und ohne Tracking, der auf gewöhnlichen Android-Geräten läuft, nicht nur auf de-googelten Spezial-ROMs.

Digitale Souveränität wird gerne als Ideal verhandelt, selten als Bilanz. Schleswig-Holstein liefert seit Ende 2025 tatsächlich Zahlen: Wie viele Arbeitsplätze umgestellt sind, wie viel Geld das spart und wo es noch hakt.

Dieser Artikel schaut sich zunächst an, was das nördlichste Bundesland bei seinem Ausstieg aus Microsoft-Software bisher tatsächlich erreicht hat, mit offiziellen Zahlen statt Ankündigungen. Im zweiten Teil geht es eine Ebene tiefer: F-Droid als Weg, dieselbe Grundidee, nämlich Software ohne fremde Kontrolle, auf dem eigenen Smartphone umzusetzen, ganz ohne Verwaltungsapparat im Rücken.

Was Schleswig-Holstein bisher tatsächlich umgestellt hat

Am 4. Dezember 2025 veröffentlichte die Landesregierung Schleswig-Holstein eine offizielle Pressemitteilung mit einem Zwischenstand zu ihrem Open-Source-Kurs. Der zentrale Befund: Fast 80 % der Arbeitsplätze der Landesverwaltung, die Steuerverwaltung ausgenommen, nutzen inzwischen LibreOffice als verbindlichen Standard für Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationen. Microsoft Office und Outlook sind an diesen Arbeitsplätzen laut Mitteilung bereits deinstalliert oder befinden sich gerade in der Deinstallation.

Die Lizenzquote für Microsoft-Produkte ausserhalb der Steuerverwaltung liegt der Pressemitteilung zufolge inzwischen bei „deutlich unter 10 Prozent". Das ist eine ungewöhnlich konkrete Zahl für ein Verwaltungsprojekt dieser Grössenordnung, und sie lässt sich direkt an den ursprünglichen Ausgangswerten messen, an denen praktisch jeder Arbeitsplatz mit Microsoft-Lizenzen lief.

KennzahlStand laut Pressemitteilung
Arbeitsplätze mit LibreOffice (ohne Steuerverwaltung)rund 80 %
Verbleibende Microsoft-Lizenzquote (ohne Steuerverwaltung)deutlich unter 10 %
Migrierte E-Mail-Postfächer (Exchange zu Open-Xchange)rund 44.000
Erwartete jährliche Lizenzkosten-Einsparungüber 15 Millionen Euro
Einmalige Investition für die Migrationrund 9 Millionen Euro

Auf der E-Mail-Seite sind laut Pressemitteilung bereits rund 44.000 Postfächer von Microsoft Exchange auf Open-Xchange umgezogen, Thunderbird ersetzt dabei Outlook als E-Mail-Programm. Digitalisierungsminister Dirk Schrödter ordnet das Projekt ausdrücklich unter dem Begriff „digitale Souveränität" ein: Die Fähigkeit einer Verwaltung, unabhängig von einzelnen ausländischen Softwareanbietern arbeitsfähig zu bleiben, wird hier nicht als Lippenbekenntnis behandelt, sondern mit einer Lizenz- und Kostenbilanz unterlegt.

Hinweis

Die Steuerverwaltung ist von diesen Zahlen ausdrücklich ausgenommen. Dort laufen bundeseinheitliche Fachverfahren, die eng an Microsoft-Umgebungen gebunden sind, ein Umstieg ist dort ungleich schwieriger als in der allgemeinen Verwaltung. Die 80-%-Quote bezieht sich also nicht auf die gesamte Landesverwaltung, sondern auf den Teil, in dem ein Wechsel technisch machbar war.

Was noch aussteht: Reibung statt Wunschdenken

Ein Projekt dieser Grösse, tausende Arbeitsplätze, ein komplett neues E-Mail-System, verläuft nicht reibungslos, und die Landesregierung stellt das in ihrer eigenen Mitteilung auch nicht so dar. Für 2026 ist die Weiterentwicklung der Open-Source-Lösungen bereits eingeplant, mit der genannten Investitionssumme von rund 9 Millionen Euro, der die erwarteten Einsparungen von über 15 Millionen Euro pro Jahr gegenüberstehen.

Über die reine Bürosoftware hinaus wird in Schleswig-Holstein seit Längerem auch über einen Wechsel der Desktop-Ebene selbst diskutiert, also weg von Windows als Betriebssystem hin zu einer Linux-Distribution. Diese Stufe gilt als der anspruchsvollste Teil des Vorhabens, weil sie tiefer in Treiber, Fachverfahren und Gewohnheiten der Beschäftigten eingreift als der Wechsel der Office-Suite. Laut Berichterstattung von heise.de wird dieser Schritt als „am Ende des Weges" liegender, längerfristiger Teil der Strategie beschrieben, ohne dass die Landesregierung sich bisher öffentlich auf ein festes Zieljahr oder eine bestimmte Desktop-Umgebung festgelegt hätte. Wer belastbare Zahlen zum Officeanteil sucht, findet sie bereits, wer ein Datum für den Linux-Desktop sucht, muss sich derzeit noch gedulden.

Warnung

Bei einem Projekt dieser Grössenordnung sind einzelne Verzögerungen und Nacharbeiten normal, kein Zeichen von Scheitern. Wer die Migration als Blaupause für das eigene Unternehmen oder die eigene Kommune nutzen will, sollte die Zeitachse eher grosszügig planen, als sich an einer optimistischen Ankündigung zu orientieren.

Für Leserinnen und Leser, die den Umstieg auf ein freies Betriebssystem am eigenen PC schon konkret angehen wollen, unabhängig von dem, was eine Landesverwaltung tut, haben wir dazu einen eigenen Artikel: Windows 10 ist tot: Linux Mint oder Fedora für den Umstieg?

Zwei Ebenen derselben Idee: Behörde und Hosentasche

Was in Kiel im Grossen passiert, nämlich Software auszutauschen, die von einem einzelnen ausländischen Konzern kontrolliert wird, lässt sich im Kleinen auf dem eigenen Smartphone nachvollziehen. Die meisten Android-Nutzer laden ihre Apps ausschliesslich über den Google Play Store, ein System, das genau protokolliert, was installiert, geöffnet und wie lange genutzt wird. F-Droid ist die praktische Antwort darauf auf individueller Ebene: ein alternativer App-Store, der ausschliesslich quelloffene Software vertreibt und dabei bewusst auf Konten und Tracking verzichtet.

Was F-Droid ist und was es nicht ist

F-Droid ist ein App-Repository für Android, das seit 15 Jahren aufgebaut wird, laut eigener Beschreibung „mehr als ein App-Store: eine Community". Der entscheidende Unterschied zu Google Play liegt nicht nur im Angebot, sondern im Prinzip: F-Droid verlangt kein Benutzerkonto, um Apps herunterzuladen, und erhebt nach eigener Aussage keine Daten darüber, was installiert wird.

Alle Apps im offiziellen Repository sind freie Software. Der Quellcode ist einsehbar, veränderbar und lässt sich selbst nachbauen, es gibt laut F-Droid „keine Black Boxes, keine Lock-ins". Für Leser, die mit dem Grundgedanken freier Software noch nicht vertraut sind: Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass jede App perfekt oder aktuell gepflegt ist, sondern dass niemand, auch nicht die Entwickler selbst, verhindern kann, dass Nutzer nachvollziehen, was ihre Apps tatsächlich tun.

Tipp

F-Droid läuft auf gewöhnlichen, unveränderten Android-Geräten direkt vom Hersteller, egal ob Samsung, Google Pixel oder ein günstiges Mittelklasse-Handy. Ein Wechsel zu einem de-googelten Custom-ROM wie GrapheneOS ist dafür ausdrücklich nicht nötig, das senkt die Einstiegshürde erheblich gegenüber Anleitungen, die einen kompletten Systemwechsel voraussetzen.

Smartphone zeigt ein generisches App-Raster ohne erkennbare Markenlogos
F-Droid läuft auf gewöhnlichen Android-Geräten, ganz ohne Konto und ohne Custom-ROM. Bild: KI generiert

F-Droid einrichten: die ersten Schritte

Die Installation weicht bewusst vom gewohnten Weg über den Play Store ab, weil F-Droid dort aus Prinzip nicht gelistet ist. Das ist Absicht, kein Bug.

  1. APK direkt von f-droid.org laden: Die offizielle Website bietet die F-Droid-App selbst als Installationsdatei an, ausserhalb des Play Store.
  2. Installation aus unbekannten Quellen einmalig erlauben: Android fragt bei der Installation nach, ob die jeweilige Quelle vertrauenswürdig ist. Das ist ein normaler Sicherheitsdialog, kein Zeichen für ein Risiko.
  3. F-Droid öffnen und Repository aktualisieren: Beim ersten Start lädt die App ihren Katalog, danach lässt sich sofort nach Apps suchen und installieren, ohne Konto, ohne E-Mail-Adresse.
  4. Updates regelmässig prüfen: F-Droid informiert über verfügbare Aktualisierungen genauso wie andere App-Stores, nur eben ohne dabei ein Nutzungsprofil anzulegen.

Das Angebot selbst beschreibt F-Droid auf der eigenen Website als „tausende freie und sichere Apps", ohne eine genaue Zahl zu nennen. Für alltägliche Zwecke wie Notizen, Passwortverwaltung, Kalender, Podcast-Player oder Navigationskarten lässt sich damit in der Praxis erstaunlich viel abdecken, oft mit Apps, die zusätzlich deutlich schlanker sind als ihre kommerziellen Gegenstücke.

Grenzen und Reibungspunkte, ehrlich benannt

F-Droid ist kein vollständiger Ersatz für den Play Store. Grosse kommerzielle Apps, etwa von Banken, Fluggesellschaften oder den meisten sozialen Netzwerken, sind dort grundsätzlich nicht zu finden, weil deren Anbieter ihren Quellcode nicht offenlegen. Wer vollständig auf F-Droid umsteigen will, muss also für bestimmte Dienste weiterhin eine Lösung ausserhalb des Repositorys finden, etwa über die mobile Website statt einer App.

Ausserdem werden Apps im offiziellen F-Droid-Repository aus dem jeweiligen Quellcode selbst gebaut, nicht einfach vom Entwickler übernommen. Das erhöht das Vertrauen in die Herkunft der App, kann aber auch bedeuten, dass eine neue Version dort etwas später erscheint als direkt beim Entwickler oder im Play Store. Für sicherheitskritische Anwendungen lohnt sich ein Blick auf das jeweilige Aktualisierungsdatum im Repository, bevor man sich vollständig darauf verlässt.

Häufige Fragen zu Schleswig-Holsteins Microsoft-Ausstieg und F-Droid

Ist Schleswig-Holstein komplett von Microsoft weg?

Nein, noch nicht vollständig. Rund 80 % der Verwaltungsarbeitsplätze außerhalb der Steuerverwaltung laufen inzwischen mit LibreOffice, mit einer verbleibenden Microsoft-Lizenzquote von deutlich unter 10 % in diesem Bereich. Die Steuerverwaltung ist ausdrücklich ausgenommen, und ein Wechsel des Betriebssystems selbst, von Windows zu Linux, ist zwar in der Diskussion, aber ohne bestätigtes Zieljahr.

Wie viel Geld spart das Land tatsächlich?

Die Landesregierung rechnet mit über 15 Millionen Euro jährlicher Einsparung bei Lizenzkosten, dem stehen rund 9 Millionen Euro einmalige Investitionen für Migration und Weiterentwicklung im Jahr 2026 gegenüber. Nach dieser Rechnung amortisiert sich die Investition innerhalb des ersten Jahres.

Brauche ich ein de-googeltes Handy, um F-Droid zu nutzen?

Nein. F-Droid läuft auf gewöhnlichem Android direkt vom Hersteller, ganz ohne Custom-ROM wie GrapheneOS. Ein Wechsel des kompletten Betriebssystems ist eine ganz andere, deutlich aufwendigere Entscheidung, F-Droid dagegen ist in wenigen Minuten installiert.

Ist F-Droid genauso sicher wie der Google Play Store?

F-Droid baut Apps direkt aus dem einsehbaren Quellcode, was Manipulationen erschwert, aber Updates verzögert manchmal etwas gegenüber dem Play Store. Für Nischen- und Alltagsapps ist das meist unproblematisch, bei sicherheitskritischen Anwendungen lohnt ein Blick auf das Aktualisierungsdatum im Repository.

Steigt Schleswig-Holstein wirklich auch beim Desktop-Betriebssystem auf Linux um?

Das wird als weiterer, längerfristiger Schritt diskutiert, ohne dass bisher ein festes Zieljahr oder eine bestimmte Desktop-Umgebung offiziell bestätigt wäre. Bislang liegen belastbare Zahlen ausschliesslich zur Bürosoftware und zum E-Mail-System vor.

Quellen

  1. Landesregierung Schleswig-Holstein, offizielle Pressemitteilung zum Open-Source-Kurs der Landesverwaltung, schleswig-holstein.de, 4. Dezember 2025, abgerufen am 19.08.2026
  2. „Von Microsoft zu Open Source: Wie Schleswig-Holstein den Wechsel schaffen will", heise online, abgerufen am 19.08.2026
  3. F-Droid, „About", f-droid.org, abgerufen am 19.08.2026

Der Content wurde mit Hilfe von KI erstellt, vor allem in der Recherche und Vorformulierung. Prüfung und Abnahme durch unsere Redaktion.